Kultur-Kollektiv [seit 2021]
Kommunikationsexperiment mit einem autonomen Kulturzentrum einer queerfeministischen Community
Social Design: Partizipative Identitätsentwicklung
Gestaltungssystem, Typografie, Illustration, Animation, Video, Layout
Social Media: Content & Management
i.Z.m. Lisa Schirmacher und dem gazo-Kollektiv
Wie entwirft man ein Corporate Design
für eine Gruppe von Menschen,
die keine Corporate Identity haben wollen?
Anmerkung:
Erstellung der hier gezeigten Bilder, Grafiken, Videos und Texte:
Christian Benecke (sofern nicht anders deklariert)
Das gazo ist ein offener Ort, an dem Kunst, Kultur und feministisch-emanzipatorische Politik zusammentreffen. Es ist ein nicht-kommerzieller Raum von allen für alle. Hier finden Menschen Anschluss, können sich kreativ ausleben, kommen mit den verschiedensten Hintergründen zusammen – und das alles ohne Konsumzwang oder wirtschaftliche Interessen.
Jeder Mensch ist willkommen,
mal vorbeizuschauen!
Das gazo bietet Raum für sozialen Austausch, für ein partizipatives Miteinander, für kreativen Ausdruck und Experimente – das Ausprobieren von Utopien. Im gazo spiegeln sich Bedürfnisse wider, denen die Stadt und Lokalpolitik nicht gerecht wird: Gemeinschaftlichkeit ohne Ausgrenzung, Verdrängung oder Diskriminierung. Mit dem gazo wird gegen Vereinzelung gekämpft und eingestanden für die Integration von vielfältigen Interessen und Ideen. In Münster ist ein solches Kulturbegenungszentrum ein wertvoller und seltener Ort.
Credits: gazo-Kollektiv
DIE LOCATION
Nach 15 Jahren Leerstand wird der denkmalgeschützte Gasometer im Süden von Münster vom gazo-Kollektiv neu belebt. Seit 2021 werden gemeinsam mit vielen Kreativen der freien Kulturszene zahlreiche Theater-, Kunst-, und Kulturevents veranstaltet.
Das Kollektiv setzt sich mit allen Mitteln gegen den Verkauf und für den Erhalt der öffentlichen Freifläche ein. Zum Verkauf kommt es trotzdem – mit einer Zwischennutzung bis Oktober 2024.
Die ehemalige Gasspeicheranlage wurde 1954 errichtet und von den Stadtwerken Münster bis 2005 genutzt, um die Gasversorgung der Stadt sicherzustellen. Auf dem rund 1,3 Hektar großen Gelände befindet sich neben dem inzwischen denkmalgeschützten Gasometer ein Pumpenhaus und waldähnliche Grünflächen.
Im Herbst 2020 schloss sich das gazo-Kollektiv zusammen, um dem Gasometer-Areal auf nicht-kommerzielle Weise neues Leben einzuhauchen und die Privatisierung dauerhaft zu verhindern. Seit 2021 wurden zahlreiche Theaterproduktionen, Kunstausstellungen und Kneipenabende sowie Konzerte, Kultur-Festivals, Workshops und Nachbarschafts-Cafés veranstaltet.
Das Kollektiv zählt derzeit 25 ehrenamtlich aktive Personen, die sich in AGs organisieren um diversen Tätigkeiten zum Erhalt, zur Verwaltung und Nutzung des Ortes nachzugehen. In einem partizipativen Prozess wurde ein Ort von und für Menschen geschaffen, die bisher keinen Platz in Münster gefunden hatten.
Ende 2022 startete ein Verfahren zum Verkauf des Geländes, das Eigentum der Stadtwerke Münster ist, um dort ein Gebäude mit Büros, einem Hotel, Kultur- und Wohnflächen zu errichten.
Ende 2023 wurde das Gelände schließlich an den Berliner Investor UTB verkauft, der dort ein Gebäude mit Büros, einem Hotel, Kultur- und Wohnflächen errichten lassen möchte. Unter großem Medienecho setzte sich das Kollektiv während des – mit Verlaub – sehr fragwürdigen Veräußerungsprozesses mit allen Mitteln dafür ein, die Privatisierung des Denkmals zu verhindern. Der einzigartige Ort ist als gazo besonders für queere Menschen und andere marginalisierte Gruppen von unschätzbarem Wert.
Anfang 2024 konnte das Kollektiv mit dem Investor eine Zwischennutzung des Geländes aushandeln, um von April bis Oktober 2024 den Betrieb wieder aufnehmen zu können.
Poster zur Bewerbung einer Demonstration (Mockup, 2022)
DAS KOMMUNIKATIONS-EXPERIMENT
APRIL 2022
Politisch eher links ausgerichtet vertreten die Mitglieder des queer-feministischen Kollektivs im Kern die gleichen Werte.
Zur Art und Weise der Außenkommunikation, zeichneten sich jedoch unterschiedliche Haltungen ab: Die Frage nach der Notwendigkeit eines Corporate Designs polarisierte.
A
Einerseits wurden grafische Richtlinien allgemein als Einschränkung der Freiheit und Offenheit gegenüber Experimenten wahrgenommen.
+
Es wurde befürchtet, dass eine klare Identity kommerzielle Absichten suggerieren könnte.
B
Auf der anderen Seite gab es den Wunsch nach Abgrenzung und Wiedererkennung.
+
Da die Mission des Kollektivs für Außenstehende schwer nachvollziehbar war, wurde angenommen, dass der Content ohne Corporate Design zu chaotisch wirken könnte.
KONSENS
Beide Positionen wollen öffentlich Aufmerksamkeit erzeugen. Um das zu erreichen, ist eine Strategie notwendig. Kollektive Entscheidungen werden partizipativ gefällt und mit einem Experiment beiden Positionen Gehör verschafft.
EXPERIMENT
Ist ein Gestaltungssystem zur optionalen Orientierung
der richtige Mittelweg, um
DAS GESTALTUNGSSYSTEM
SCHRIFT
Die Agrafie bietet hervorragende Voraussetzungen für Überschriften und Auszeichnungen, die sofort ins Auge springen sollen. Eigensinnig und etwas punkig aber dennoch verspielt und freundlich. Mit einem großen Angebot an Buchstabenvariationen, Satz- und Sonderzeichen lassen sich Doppelkonsonanten so setzen, dass sie glaubhaft handgeschrieben erscheinen. Als Anhaltspunkt dienen Schriftbilder auf dem Gelände, die vom Kollektiv in den Einzugswochen angebracht wurden.
Roboto ist als geometrischer Googlefont ein stimmiger Gegenpol zur Agrafie. Er wirkt offen und freundlich, ist kostenlos und in vielen Schriftprogrammen und Online-Tools verfügbar. Roboto wird einschließlich den Varianten Mono und Condensed für Unterüberschriften und Fließtexte verwendet. Auf Hochkant Displays lässt sich mit der Roboto Condensed erstaunlich viel Text lesbar und formschön unterbringen.
Agrafie und Roboto: Anwendungen des Gestaltungssystems
FARBEN
Die Primär- und Sekundärfarben (Sterne) resultieren aus der Farbgebung der prägnantesten Bauelemente auf dem Gelände: Die Außenwand und das Stahlgerüst des Gasspeichers und dessen von Rost überzogenen Innenkessel, den Rohrsystemen im Innenbereich des Pumpenhauses sowie das vom gazo-Kollektiv knall-pink lackierte Eingangstor.
DAS GESTALTUNGSSYSTEM IN ANWENDUNG
Gestaltungssystem in Anwendung
FAZIT
Die Kommunikationsstrategie funktioniert für das gazo-Kollektiv sehr gut. Die freiwillige Anwendung des Gestaltungssystems macht es zu einer Orientierungshilfe anstelle eines erzwungenen Regelwerks.
Dadurch fühlen sich Menschen aus dem Kollektiv, die sich und die Gruppe nicht mit einer Corporate Identity identifizieren, trotzdem repräsentiert. Auch für Außenstehende wird die Eigensinnigkeit des Kollektivs durch sporadisches Zerknittern einer gebügelt erscheinenden Kommunikation sichtbar.
Die gestalterischen Inhalte von allen Veranstaltungen am gazo werden, sofern nicht anders gewünscht, unverändert über den gazo-Kanal veröffentlicht – also unabhängig davon, ob sie sich an unserem System orientieren.
Dadurch kommt die Vielfältigkeit der Verwendung des Ortes und die Einladung zum zwanglosen Experimentieren auf authentische Weise zur Geltung.
Kurz-Doku (6min) »Was macht das gazo zu einem so besonderen Ort?« von @dir_elj (2023)
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